Beziehungsgewalt im Blick behalten

Am 28.05.2020 beschloss die Bezirksversammlung Altona einstimmig den Antrag „Aktuelle Zahlen der Fälle häuslicher Gewalt“ (Drucksache 21 – 0921) von GRÜNE, SPD und CDU.

Hier meine Rede:

Hinschauen statt wegsehen: mit unserem Antrag rücken wir das Thema „häusliche Gewalt“ weiter in den Fokus.

In diesem Antrag bitten wir die BASFI und die BIS zunächst bis auf Weiteres das Bezirksamt Altona wöchentlich über die Entwicklung der Fallzahlen häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdung zu informieren. Und das Bezirksamt diese Zahlen dann dem Sozial- sowie dem Jugendhilfeausschuss mitzuteilen.

Auslöser für diesen Antrag ist der vermutete Anstieg häuslicher Gewalt in den letzten Monaten bedingt durch die Corona-Maßnahmen.

Die veränderten Lebensumstände vieler Familien und Paare wie:

– finanzielle Sorgen durch drohende oder bereits eingetretene Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit. In manchen Branchen ist es gänzlich unklar wie und wann es weitergeht.

– die zusätzliche Belastung und große Herausforderung junger Familien durch geschlossene Kitas und Schulen, die auf einmal nicht nur auf die Betreuung der Kinder verzichten müssen, sondern ganz nebenbei zusätzlich zu ihrem normalen Job nun auch noch das Homeschooling ihrer Kinder leisten müssen

– oder manchmal reicht auch schon die ungewohnte Nähe die zur Enge wird, wenn auf einmal beide Partner rund um die Uhr zuhause sind, von dort arbeiten und man sich abends zum Ausgleich nicht mehr mit seinen Freunden zum Sport oder im Kino, oder in einem Restaurant treffen kann.

In dieser Situation führt das bisherige Ausbleiben der Steigerung von Anzeigen nicht zur Beruhigung, denn in dieser besonderen Situation ist von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen:

Für Kinder und Jugendliche fehlen Kitas und Schulen als wichtige Anlauf- und Kontrollstelle, Gewaltopfer in Partnerschaften haben jetzt oft Probleme einen ruhigen Moment zu erwischen, in dem sie, ohne belauscht zu werden, telefonieren können oder ein anderes Hilfsangebot nutzen können, ohne dabei vom Partner erwischt zu werden.

Hier ist mit einer hohen Anzahl an Nachmeldungen zu rechnen. Die Straftaten finden trotzdem statt, auch wenn die Zahlen es aktuell noch nicht zeigen.

Allgemein sind etwa 80% der Opfer weiblich, 20% sind männlich. In den aktuellen Zahlen vom März für den Bezirk Altona für vorsätzliche einfache Körperverletzung sind 75% weiblich, 25% – also jedes 4. Opfer – männlich,

bei Gewaltkriminalität – dazu gehört gefährliche und schwerer Körperverletzung, sowie Mord und Totschlag-

sind 70% der Opfer weiblich, 30% männlich. Trotzdem gibt es in ganz Hamburg keinen einzigen Schutzplatz für Männer, die Opfer häuslicher Gewalt sind.

Häusliche Gewalt ist keine Nichtigkeit, kein Kavaliersdelikt und darf nicht als Normalität hingenommen werden.

Viel zu oft titeln Zeitungen, „eine Frau sei zu Tode gekommen“ wenn da doch eigentlich stehen müsste „eine Frau wurde getötet“. Und ein Mord ist ein Mord – und kein Eifersuchtsdrama.

Und das führt mich dazu, wieso dieser Antrag so wichtig ist:

Menschen, die Opfer von Gewalttaten werden, jeder Mensch in Not sollte Hilfe und Unterstützung bekommen können. Hilfsangebote sind aber oft unterfinanziert, oft fehlen Schutzplätze, es braucht mehr Öffentlichkeitskampagnen um Schutzangebote bekannt zu machen.

Und es braucht dringend eine Entstigmatisierung der Opfer. Jeder Mensch, egal wie eigenständig, selbstbewusst und unabhängig

Und auch egal welches Geschlecht

– kann Opfer häuslicher Gewalt werden und sich in einer gefährlich schädlichen Beziehung wiederfinden, aus der man ohne Hilfe von außen nicht mehr herausfindet.

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